Katerstimmung nach dem Orgasmus – kommt dir das irgendwie bekannt vor?

Eigentlich sollte man glauben, gemeinsamer Sex schafft Nähe und Harmonie zwischen zwei Partnern. Aber trifft das tatsächlich zu?

Forschungen in den letzten Jahren legen nahe, dass orgasmusfixierter Sex zwar dem Weitergeben der Gene dient, gleichzeitig aber zur emotionalen Entfremdung von Paaren führt:

Im Laufe der Evolution haben sich zwei Programme in uns entwickelt, die sich in gewisser Weise entgegenstehen. Das Paarungsverhalten für die genetische Vielfalt und Paarbindung für die Betreuung des Nachwuchses.

Unsere Gefühlswelt und speziell unser Liebesleben wird von einem sehr alten Teil unseres Gehirns manipuliert, dem limbischen System. Das reguliert die typischen Empfindungen wie Sorge um den Nachwuchs, Angst, Nahrungsaufnahme, Liebe, Lust, Spieltrieb, …
Dieser Bereich lässt sich nicht durch unseren Willen beeinflussen und schert sich außerdem nicht im geringsten darum, ob wir glücklich sind oder nicht.

Bei der Sexualität sind mehrere biochemische Substanzen beteiligt. Die drei Hormone Dopamin, Prolaktin und Otxytocin scheinen dabei die wichtigste Rolle zu spielen:
Dopamin wird immer dann freigesetzt, wenn das Belohnungszentrum uns für bestimmte Handlungen honoriert, die dem Überleben unserer Spezies dienen (z.B.: gutes Essen und beim Sex, sprich beim Orgasmus). Immer dann, wenn sich etwas lohnend anfühlt, möchten wir es wiederholen. Ein ausgeglichener Dopaminlevel fühlen wir uns zufrieden, motiviert, haben eine gesunde Libido und tragen wohlwollende Gefühle gegenüber unseren Mitmenschen. Ein Überschuss dagegen führt zu rücksichtslosem Verhalten, Unruhe und zwanghaften Aktivitäten. Ein Mangel zeigt sich als antriebslos, bedürftig, freudlos und geringer Libido.
Beim Sex steigt der Dopaninlevel stark an, erreicht beim Orgasmus seinen höchsten Stand und fällt dann rapide ab. Danach geht er allerdings nicht in den Normalbereich zurück sondern springt zwischen Mangel und Überschuss hin und her. Das kann bis zu 2 Wochen andauern und wirkt sich als Achterbahn der Gefühle und Stimmungen aus – die nach-orgasmische Katerstimmung.

Prolaktin hat mehrere Aufgaben und steht generell in Verbindung mit Brutpflegeverhalten. In der sexuellen Neurochemie markiert es das Ende des Sex – es steigt nach dem Orgasmus stark an und hat auch den Beinamen Sättigungshormon – die Erektion klingt ab, die Scheide wird trocken. Ein Prolaktin-Überschuss hat Auswirkungen wie depressive Verstimmungen, Libidoverlust, Kopfschmerzen, Gewichtszunahme. Wie das Dopamin braucht auch das Prolaktin etwa 2 Wochen, bis es auf ein normales Maß abfällt.

Oxytocin, auch bekannt als Kuschelhormon, ist verantwortlich für Verbunden- und Vertrautheitsgefühle. Es hat eine luststeigernde Wirkung und wird bei Berührungen, beim Küssen, beim Umsorgen und beim Streicheln freigesetzt. Oxytocin ist quasi der Langzeitklebstoff für gute und erfüllte Beziehungen. Beim Vorspiel und während dem Sex steigt der Level, und sorgt damit für das Vertrautheitsgefühl und den Wohlfühleffekt, wobei die Kontrolle sinkt und die Partner sich verbunden fühlen.

Demnach ist es völlig richtig, dass häufiger Sex die Verbundenheit in der Partnerschaft stärkt – sofern es nicht zum Orgasmus kommt!
Der Oxytocin-Level sinkt nämlich parallel zum Dopamin-Level nach dem Sex stark ab und benötigt mindestens 7 Tage, um wieder zum Normalwert zurückzukehren. Ein Mangel hat genau die gegenteilige Wirkung: statt Verbundenheit und liebevolle Berührungen möchte man lieber in seinem eigenen Raum bleiben und vermeidet Berührungen.

Für unser Evolutionsbiologisches Programm dient die Sexualität nicht der Freude und liebevollen Verbindung, sondern der Fortpflanzung und Erhaltung der Art. So macht die emotionale Entfremdung in längeren Beziehungen durch die ständige Wiederholung der beschriebenen Orgasmus-Zyklen auch Sinn.
Andererseits existiert in uns der Wunsch nach Paarbindung, weil der Fortpflanzungserfolg größer ist, wenn sich beide Eltern um den Nachwuchs kümmern. So hat die Natur in den menschlichen Gehirnen vermehrt Oxytocin-Rezeptoren eingerichtet, die durch bestimmte Signale wie Lächeln, Hautkontakt, Zuhören und Küssen ein Gefühl von Zufriedenheit und Bindung sorgt.

Es zeichnet uns als Menschen aus, dass wir uns bestimmter Vorgänge und Prägungen bewusst werden und uns dann für andere Wege interessieren und entscheiden können.

Der Ansatz dieser „Entfremdungsspirale“ ist einfach eine Einladung, einmal darüber nachzudenken; die Tage nach dem Sex dahingehend zu beobachten.
Und dann testen, was sich verändert an den Tagen nach dem Sex, der sich nicht über den Orgasmus entladen hat.
Vielleicht bringt eine Loslösung vom fortpflanzungsorientierten, orgasmusfixierten Sex und eine Hinwendung zum bindungsbasierten, entspannt-ekstatischen Liebemachen tatsächlich mehr Erfüllung und Glück. Die Tage danach zeigen es! Einen Versuch ist es sicher wert 😉

*inspiriert von einen Artikel von Anke Felice Posplech und Ralf Lieder