Die verschiedenen Phasen der Sexualität in einer Liebesbeziehung:

Im Laufe einer Liebesbeziehung verändern sich die Gefühle und dementsprechend verändert sich auch die Sexualität oder der Antrieb zum Sex.
Diese Phasen können in einem ziemlich allgemeinen Muster beschrieben werden.
Beherzigt man sie, kann man die Veränderungen begrüßen und muss nicht dem Vergangenem nachzutrauern.

In der ersten Verliebtheit ist unser primitivster Gehirnteil, das Stammhirn aktiv. Es ist ein ver-rückter Zustand und wir haben den Eindruck, dass unser Geliebter diese schönen Gefühle verursacht. Tatsächlich aber befinden wir uns in einem total selbstbezogenem Zustand und projizieren unsere Wünsche, Hoffnungen und Unsicherheiten auf den anderen.
In dieser und der folgenden Phase erleben wir pure Lust, Geilheit und intensives Begehren.

Nach der ersten Verliebtheit entsteht die romantische Liebe. Dabei werden andere Bereiche im Gehirn aktiviert und gleichzeitig Areale deaktiviert, die mit negativen Gefühlen assoziiert sind, das soziale Unterscheidungsvermögen wird ausgeschaltet und mit Hilfe des Belohnungszentrums wird unsere Bindung an den Partner gestärkt.
Wir erfahren mehr Nähe und Sicherheit.
Diese romantische Liebe ist nicht nur ein Gefühl sondern auch ein Trieb, der uns antreibt, den anderen zu umwerben und für uns zu gewinnen. Wir sind glücklich, ziehen zusammen, bekommen Kinder, …

Die Wollust und die romantische Liebe haben bekanntlich nach ungefähr 2 Jahren ihr Ablaufdatum, bei Fernbeziehungen entsprechend später.
Wir könnten diesen Ausnahmezustand auf Dauer nicht überleben.

Die nächste Phase ist die feste Partnerschaft. Sie kann unterschiedlich lange dauern und beinhaltet Ruhe, Bindung, die Bereitschaft den Alltag zu teilen und Kinder groß zu ziehen. Die Verliebtheit wird durch eine Desillusionierung abgelöst. Man fühlt sich nicht mehr so geliebt und geschätzt. Die Illusion von Perfektion hat sich aufgelöst und wir hegen Zweifel, ob wir tatsächlich den richtigen Partner gewählt haben. In dieser Phase schläft die Sexualität oft ein oder viersiegt überhaupt. Für einige ist das der Anfang vom Ende.

Spätestens jetzt wünschen sich viele, die Gefühle der ersten Verliebtheit und die sexuelle Erregung dieser Zeit wieder zurück. Es soll wieder so werden wie am Anfang. Das ist von der Natur aber nicht so vorgesehen.
Wenn man sich jetzt nicht trennt („weil die Luft draußen ist“), sieht man sich mit einer Mittelmäßigkeit konfrontiert, die unzufrieden und frustriert macht.

Die Sehnsucht nach diesem aufregenden Ausnahmezustand treibt so manchen in eine Außenbeziehung oder in Affairen (man ist verliebt ins Verliebtsein).

Jedoch ist das eine Art von Sexualität, die ihre Spannung aus äußerlichen Reizen bezieht.

Wer allerdings in der festen Beziehung bleiben möchte, ohne auf großartigen Sex zu verzichten, sollte jetzt nicht aufgeben.

Dabei hilft es zu verstehen, dass unser freie Wille unser trieb- und intstinktgesteuertes Verhalten ablöst.

Statt sich zurückzulehnen und den Fokus von der Beziehung und der Sexualität abziehen unter dem Motto „jetzt gehört er/sie mir, die Sache ist unter Dach und Fach“, oder sich enttäuscht in andere Lebensbereiche zurückzuziehen, gilt das Motto „When you are going through hell, don’t stop.“

Wenn man es schafft, sich durch diese Phase durchzuarbeiten, wird man den Partner mehr lieben und schätzen als zuvor – und zwar für das, was er wirklich ist und nicht mehr auf den eigenen Projektionen basierend.

Das heißt auch, dass wir uns selbst uns viel mehr bewusst dafür entscheiden, die Dinge zu tun, die wir in der Verliebtheit automatisch getan haben.

Liebe, Wohlwollen und Vernunft wird jetzt zum Antrieb.

In der nächsten Phase lernt man eine Menge über sich selbst und Beziehungen. Man versteht Zusammenhänge der eigenen Vergangenheit und darin, wie man sich in der Beziehung verhält. Liebe, die verloren geglaubt war, kehrt zurück, in einer erwachsenen Form und mit tiefem Verstehen des anderen.

Die triebhafte Liebe stillt nicht unser Ur-Bedürfnis, geliebt zu werden.
Wir wünschen uns von jemandem geliebt zu werden, der dies freiwillig tut.

Lässt man sich auf diese Phase ein, wird der Reiz des Neuen durch den Genuss von Intimität ersetzt.

In dieser Phase reißen wir uns nicht mehr gegenseitig die Wäsche vom Leib (weil der Trieb aus dem Stammhirn in Bezug auf den Partner nachlässt und auch das romantische Verliebsein aus dem Großhirn).
Es wird zu einer bewussten Wahl, gepaart mit einem gewissen Maß an Disziplin, die Sexualität als Priorität zu pflegen.
Anstatt auf die passende Stimmung zu warten, nimmt man sich Zeit für den gemeinsamen Sex. Ein bisschen zu vergleichen mit dem Weg ins Fitnesscenter 😉

Das hört sich nicht gerade romantisch an.
Und doch schafft eine monogame Beziehung den Boden für den besten Sex.
Dafür muss man die problematische Vorstellung von Liebesbeziehungen loslassen. Stattdessen behandelt man die Sexualität wie die eigene Karriere, ist bereit sich weiterzuentwickeln und dazu zu lernen.

Das Ziel ist, die gemeinsame Sexualität zu einem Ort zu machen, wo man sich emotional und sexuell verbindet. Zu einem Ort, der nährt, Nähe schafft, Energie spendet, …. Sex wird zum Lebenselixier der Beziehung.

Unsere tiefste Sehnsucht ist es, ganz und gar geliebt und angenommen zu werden – und diese Form von Intimität ermöglicht es uns, genau das erfahren.

Allerdings liegt eben genau darin auch die große Herausforderung:

Denn wirkliche Intimität erleben wir nur, wenn wir uns völlig nackt und verletzlich zeigen und uns ganz hingeben.
Genau das konfrontiert uns aber unweigerlich mit unseren Ängsten und Verletzungen, die wir sehr gut zu schützen und vermeiden gelernt haben. An diesem Punkt beginnen wir dem Partner zu helfen, seine Wunden zu heilen.

Öffnen wir uns also ganz bewusst für wirkliche Intimität beim Sex, hat das einen tiefen und lebensverändernden Effekt.

Das erfordert wollen zu wollen.

Die daraus resultierende persönliche Entwicklung wirft Licht auf unsere blinden Flecke. Wir gewinnen jedes Mal ein Stück mehr von uns zurück und das macht sich in jedem Lebensbereich bemerkbar!

Das Schlafzimmer ist nicht der Raum für politische Korrektheit, sondern der Raum, wo wir unsere dunklen Seiten ins Licht holen können. Wir heilen beim Liebemachen.

Liebe und Intimität ist die Wurzel dafür, ob es uns gut geht oder nicht, ob wir traurig sind oder glücklich, ob wir leiden oder heilen (*Dr. Dean Ornish).